Über Veränderung und Zeit

Neulich habe ich in einem Podcast einen Satz gehört, der hängen geblieben ist:

“Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einer Woche erreichen können, und unterschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können.”

Eine kurze Recherche ergab, dass dieser Satz wahlweise Bill Gates, Tony Robbins oder einem anonymen Autor zugeschrieben wird. Auch die Zeiträume variieren. Mal ist von ein und zehn Jahren die Rede, mal von einem Tag und einem ganzen Leben. Mir gefällt die Variante mit einer Woche und einem Jahr am besten.

Wahrscheinlich haben wir alle Momente, in denen wir uns inspiriert fühlen, etwas in unserem Leben zu ändern. Das Problem dabei ist häufig, dass die ursprüngliche Inspiration selten länger als eine Woche anhält. Danach sehen wir uns meistens wieder verstärkt mit dem Teil von uns konfrontiert, der Veränderung grundsätzlich ablehnt. Leider ist dieser Teil von uns extrem gut darin, zu rationalisieren, d.h., scheinbar gute Gründe zu finden, warum sich die Veränderung, von der wir uns ein paar Tage zuvor so viel erhofft hatten, eigentlich doch nicht lohnt.

Es gibt nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob es wirklich stimmt, dass wir die langfristigen Ergebnisse einer Veränderung nicht richtig einzuschätzen wissen. Wir müssen unser Urteil um mindestens ein Jahr verschieben und diese Veränderung während dieses ganzen Jahres praktizieren.

Liebe zur Übung macht den Meister

Ich lese gerade zum dritten Mal Josh Waitzkins Buch “The Art of Learning”. Waitzkin ist ein unheimlich interessanter Charakter. Sehr früh in seinem Leben galt er als “Schachwunderkind”. Als junger Erwachsener begann er sich mit der Martial-Arts-Variante des Tai Chi, dem “Push Hands”, zu beschäftigen. 2004 wurde er in dieser Disziplin Weltmeister.

Man kann wohl davon ausgehen, dass so jemand etwas zu sagen hat, wenn es um das Thema Lernen geht, und in seinem Buch beschreibt Waitzkin eine ganze Reihe von Prinzipien und Prozessen, die ihm geholfen haben, es in scheinbar völlig unterschiedlichen Disziplinen zur Meisterschaft zu bringen.

Ich war darauf vorbereitet, dort einige mir aus meiner ITM Alexandertechnik-Ausbildung vertraute Ideen zu finden.

Trotzdem war ich überrascht, dass Waitzkin fast ein ganzes Kapitel seines Buches den Experimenten der Sozialpsychologin Carol Dweck widmet. Ich habe Dwecks Bücher “Self Theories” und “Mindset” schon vor Jahren gelesen, und sie haben mir geholfen zu verstehen, warum ich die Karriere als berühmter Gitarrenvirtuose, die ich mir als Jugendlicher erträumte, nie hatte.

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Der Griff nach den Träumen

Am Wochenende habe ich die vorläufig letzte Revision meiner Übersetzung von Don Weeds Buch Reach Your Dreams an unseren Layouter geschickt. Es scheint, als ob sich mein kleines Freizeitprojekt nach 4 Jahren endlich realisieren würde. Im Moment tut es einfach nur ungemein gut, einmal keine mit dieser Übersetzung zusammenhängenden Aufgaben auf meiner To-Do-Liste stehen zu haben.

Der Griff nach den Träumen war übrigens fast bis zuletzt einer meiner Favoriten für den deutschen Titel von Reach Your Dreams. Schließlich habe ich mich aber doch dagegen und für einen maximal niedrigen Übersetzer-Leser-Arbeitsquotienten entschieden. 😉

Der unbekannte Faktor

Neulich habe ich mich mit einer angehenden Jogalehrerin unterhalten, und eines der ersten Dinge, von denen sie sprach, war ihr Erstaunen darüber, dass die meisten Menschen, wenn man ihnen Anweisungen für Übungen gibt, gar nicht das tun, was man ihnen sagt und dass sie das meistens noch nicht einmal bemerken.

Die Preisfrage lautet: Welches ist der Faktor, der es Menschen erschwert und oft genug sogar unmöglich macht, Übungen so auszuführen, wie sie eigentlich gedacht sind?

Wer Alexanders Arbeit ein wenig kennt, wird diese Frage leicht beantworten können. Alexander entdeckte – zuerst bei sich selbst und später bei allen anderen Menschen, die er beobachtete – bestimmte gleich bleibende Bewegungsmuster, die deren Art und Weise, sich zu koordinieren in jeder Handlung zumeist negativ beeinflussten.

Diese Bewegungsmuster in ihrer Gesamtheit ergeben ein übergeordnetes Muster, eine allgemeine Art und Weise uns selbst zu gebrauchen, und diese Art und Weise des Selbstgebrauchs bestimmt die Art und Weise, wie wir gehen, stehen, sitzen, liegen, Fahrrad fahren, sprechen, gestikulieren, Joga, Pilates oder Gitarre üben, Spülmaschinen ausräumen… ich glaube, Ihr versteht, was ich meine.

Daraus lässt sich folgendes ableiten:

1. Wenn wir spezifische Handlungen sowie unser Leben allgemein verbessern möchten, wäre dieser Faktor, dem alle spezifischen Handlungen untergeordnet sind, der bestmögliche Ansatzpunkt.

2. Da dieser Faktor auch die Art und Weise, wie wir körperliche Übungen ausführen, bestimmt, lässt er sich nicht durch solche Übungen verbessern.

Alexander fand einen Weg, wie jeder Mensch die Art und Weise sich selbst zu gebrauchen verbessern kann. Er bezeichnete diesen Weg als “excercise in finding out what thinking really is.”

Alexander war auch vor über 100 Jahren davon überzeugt, dass seine Entdeckung eines all unsere Handlungen auf positive oder negative Weise bestimmenden Faktors bald Teil des Allgemeinwissens der Menschheit sein würde.

Nun ja, wir alle haben schon die Erfahrung gemacht, dass manche Dinge länger dauern als man vorher gedacht hätte.

Ein Plädoyer für das Denken

Das folgende Essay ist schon ein paar Jahre alt und darüberhinaus ziemlich lang, aber ich finde es immer noch gut genug, um meinem Blog als Einstiegsposting zu dienen.


“This work is an exercise in finding out what thinking really is.” – F. M. Alexander

“I don’t wanna think, I wanna feel” – Eddie Vedder

“Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst.” – Juliane Werding

Eine häufige Quelle von Missverständnissen und Streitigkeiten unter uns Menschen ist die Tatsache, dass wir, wenn wir einen bestimmten Begriff verwenden, damit oft unterschiedliche Bedeutungen verbinden. Je abstrakter der Begriff, desto anfälliger ist er für unterschiedliche Interpretationen.

Ein Begriff, der in der Alexandertechnik, wie wir sie in der ITM unterrichten, eine zentrale Rolle spielt, ist Denken. Ich persönlich habe den Begriff Denken schon immer gemocht. Gerade weil er so allgemein und weit gefasst ist, konnte ich mir sehr lange nicht vorstellen, dass ihn jemand als problematisch empfinden könnte.

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