Ein Plädoyer für das Denken

Das folgende Essay ist schon ein paar Jahre alt und darüberhinaus ziemlich lang, aber ich finde es immer noch gut genug, um meinem Blog als Einstiegsposting zu dienen.


“This work is an exercise in finding out what thinking really is.” – F. M. Alexander

“I don’t wanna think, I wanna feel” – Eddie Vedder

“Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst.” – Juliane Werding

Eine häufige Quelle von Missverständnissen und Streitigkeiten unter uns Menschen ist die Tatsache, dass wir, wenn wir einen bestimmten Begriff verwenden, damit oft unterschiedliche Bedeutungen verbinden. Je abstrakter der Begriff, desto anfälliger ist er für unterschiedliche Interpretationen.

Ein Begriff, der in der Alexandertechnik, wie wir sie in der ITM unterrichten, eine zentrale Rolle spielt, ist Denken. Ich persönlich habe den Begriff Denken schon immer gemocht. Gerade weil er so allgemein und weit gefasst ist, konnte ich mir sehr lange nicht vorstellen, dass ihn jemand als problematisch empfinden könnte.

Bis mich ein Erlebnis, das ich kurz vor meiner Abschlussprüfung zum Alexandertechniklehrer hatte, stutzig machte. Mit der unvermeidlichen Frage “Alexandertechnik? Was ist das denn?” konfrontiert, antwortete ich einer Bekannten etwas naiv: “Och, das ist ganz einfach. Die Alexandertechnik ist das Studium des Denkens in Bezug auf Bewegung.” Ihre Reaktion überraschte mich: “Denken? Aber wir denken doch sowieso alle schon viel zuviel.”

Ähnliche Reaktionen habe ich seitdem häufiger erlebt, wenn ich den Begriff im Zusammenhang mit der Alexandertechnik verwendete. Es scheint, als würden viele Menschen mit Denken etwas Negatives verbinden.

Offensichtlich meinen diese Menschen, wenn sie denken sagen, nicht das, was ich darunter verstehe. Im Folgenden werde ich versuchen zu zeigen, dass die weit verbreitete Geringschätzung für das Denken auf einem Vorurteil beruht, und dass diesem Vorurteil historische und kulturelle Ursachen zugrunde liegen. Ich glaube, dass es für unsere geistige Entwicklung enorm wichtig ist, dass wir uns unserem Denken unvoreingenommen nähern, denn wie F. M. Alexander bin ich der Überzeugung, dass darin der Schlüssel für eine tiefgreifende und nachhaltige Verbesserung unserer Lebensumstände liegt.

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Eine Reaktion wie die meiner Bekannten hätte ich vor 100 Jahren vermutlich nicht bekommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Glaube an den Fortschritt der menschlichen Zivilisation noch ungebrochen, und die wenigsten hätten bezweifelt, dass die großen Neuerungen dieser Zeit in den Natur- und Geisteswissenschaften sowie in der Medizin in erster Linie auf der Fähigkeit des Menschen beruhten, seinen Verstand zu gebrauchen. Als F. M. Alexander 1910 in seinem ersten Buch Man’s Supreme Inheritance schrieb, die alte Maxime vom gesunden Geist in einem gesunden Körper könne dadurch erreicht werden, dass die Menschen lernten, ihr bewusstes Denken auf sich selbst anzuwenden, erntete er damit großes Interesse und viel Zustimmung.

Der Glaube an die Verbesserung der Welt durch technischen Fortschritt wurde durch die beiden Weltkriege, durch einen in industriellem Maßstab betriebenen Völkermord und den Abwurf der Atombombe jäh erschüttert. Damit geriet auch der menschliche Verstand als scheinbarer Verursacher dieser enormen Zerstörungen unter Verdacht.

Der Einfluss Freuds und seiner Anhänger, Behaviorismus, Genetik und in letzter Zeit die Neurowissenschaften haben seitdem unser Selbstbild nachhaltig verändert. Heute sehen wir uns nicht mehr als “Krone der Schöpfung,” als mit grenzenlosem Potenzial ausgestattete Wesen, die sich ihres Verstandes frei bedienen, um die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Die oben genannten Disziplinen beförderten vielmehr ein Bild des Menschen als ein von Trieben und Ängsten gesteuertes, konditionier- und, manipulierbares und generell determiniertes Wesen. Zwischen “Nature” und “Nurture,” zwischen genetischen Voraussetzungen und Umweltbedingungen, sind der menschliche Geist und sein einst so hochgeschätztes Werkzeug, der Verstand, in den Hintergrund getreten.

Die letzte Welle der Hoffnung auf eine allgemeine Verbesserung des Menschen schwappte in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Europa und Nordamerika. Unzufrieden mit den gesellschaftlichen Normen ihrer Eltern und Großeltern, machte sich eine junge Generation daran, die Welt zu ändern. Mittel dazu sollte jedoch nicht mehr der Verstand sein, der als Artefakt der künstlichen Trennung von Körper und Geist in den Konzepten der Alten empfunden wurde, sondern ein neues “Bewusstsein.” Experimente mit psychedelischen Drogen, die sexuelle Revolution und der Zulauf, den fernöstliche Gurus erhielten, entsprangen nicht einem Bedürfnis nach Erforschung des Denkens. Sie waren vielmehr Ausdruck des Wunsches, die als kalt und beschränkt empfundene Rationalität der elterlichen Welt hinter sich zu lassen, mehr zu fühlen, neue Erfahrungen zu machen und andere Bewusstseinszustände zu erleben. “Free your mind” war keine Aufforderung, seinen Verstand zu gebrauchen.

Die Hoffnungen der sechziger Jahre waren bald verflogen, doch der Wunsch nach mehr sinnlichen Erfahrungen in Verbindung mit einer allgemeinen Skepsis dem (rationalen) Denken gegenüber, sind Teil unseres kulturellen Bewusstseins geworden.

Heute empfinden viele von uns die Welt als ein Chaos, dass wir nicht verstehen, geschweige denn beherrschen können. Die Massenmedien überschwemmen uns täglich mit Berichten über zumeist von Menschen verursachte Katastrophen und Tragödien. Uns drängt sich der Verdacht auf, der Mensch habe nichts dazugelernt. Die “Wissensgesellschaft” scheint sich in Urheberrechtsdebatten zu erschöpfen, und im Arbeitsleben steigt der “Rationalisierungsdruck”. Kein Wunder, dass sich viele nach einem stressigen Tag im Job nach nichts mehr sehnen, als “nicht mehr denken” zu müssen.

Und wenn wir es nicht schaffen, unseren Gedankenfluss beim Yoga oder beim Pilates zu stillen, besuchen wir Seminare, wo wir uns in Achtsamkeit und in No-Mind üben.

Bedeutet dies alles nun, dass das Denken keine Zukunft mehr hat? Natürlich nicht. Diese sehr subjektive und natürlich stark verkürzte Zusammenfassung soll verdeutlichen, dass der Begriff Denken in den letzten hundert Jahren vielen kulturellen und historischen Einflüssen ausgesetzt war, die unser Denken über das Denken stark geprägt haben. Diese Einflüsse haben bei vielen Menschen dazu geführt, dass sie heute Denken mit einer bestimmten Unterkategorie des Denkens – dem rationalen oder verstandesmäßigen Denken – gleichsetzen, welches sie als hauptverantwortlich für ihre Probleme glauben ausgemacht zu haben.

Dies ist in zweifacher Hinsicht bedauerlich. Erstens glaube ich, dass es sehr nützlich wäre, einen neutralen Überbegriff für die vielen unterschiedlichen Kategorien unserer mentalen Prozesse zu haben. Denken eignet sich hervorragend als ein solcher Überbegriff. In der ITM jedenfalls verwenden wir ihn so. Dort definieren wir Denken zunächst schlicht und einfach als “neuronale Aktivität”.

Diese Definition führt die Frage, ob wir denken sollten oder nicht, ad absurdum, denn es steht fest, dass der einzige Zustand, in dem unser Gehirn keinerlei neuronale Aktivität aufweist, der Tod ist – für die meisten kein unmittelbar erstrebenswerter Zustand.

Zustände tiefer Meditation, von “Flow” oder “No-Mind” sind nach unserer Definition ebenso Denken oder Produkte des Denkens wie das rationale Abwägen von Argumenten, wie Intuitionen, Erinnerungen, Entscheidungen, Ideen, Konzepte und nicht zuletzt Vorurteile.

Der Begriff, den sich die meisten Menschen vom Denken machen, ist deutlich kleiner. Was jedoch noch viel bedauerlicher ist, ist die modische Geringschätzung des Verstandes als Unterkategorie des Denkens. Die dieser Geringschätzung zugrunde liegenden Faktoren habe ich bereits beschrieben. Doch ist an der Behauptung, wir würden unserem Verstand eine zu große Bedeutung beimessen, nicht auch etwas Wahres dran? Stimmt es etwa nicht, dass die vom menschlichen Verstand hervorgebrachten technologischen und sozialen Systeme täglich millionenfaches Leid verursachen? Sollten wir nicht, statt unser Heil in immer neuen Technologien zu suchen, lieber einmal “unseren Verstand ruhen lassen” und stattdessen “auf unsere Herzen hören”, “unsere Körper mehr wahrnehmen” und “ein neues Bewusstsein entwickeln?”

Es würde sich vermutlich lohnen, jede einzelne dieser Redewendungen genauer zu betrachten. Vermutlich würde sich dabei herausstellen, dass die Schlüsselbegriffe, auf denen sie beruhen, ebenso vielfältig interpretierbar sind und unterschiedlich verstanden werden, wie wir es bereits für das Denken festgestellt haben. In diesem Essay möchte ich mich darauf beschränken zu zeigen, dass der Antagonismus, den diese Fragen scheinbar ausdrücken, auf einer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht existiert.

In der Tat sind z.B. der Bau einer Streubombe oder Massenentlassungen zur Steigerung von Börsenkursen Vorgänge, bei denen eine Menge verstandesmäßiges Denken zum Einsatz kommt. Und viel zu oft wird versucht, uns selbst die zweifelhaftesten politischen Entscheidungen als “Gebote der Vernunft” zu verkaufen. Die Frage jedoch, die man angesichts solcher scheinbar vernünftiger Phänomene stellen sollte, lautet: Sind die Ideen, Konzepte und Weltbilder, aus denen sie hervorgehen, tatsächlich aus vernünftigen Erwägungen entstanden?

Alexander schrieb, dass die meisten unserer Konzepte von der Welt gar nicht unsere eigenen seien, sondern dass wir sie nur übernommen hätten, ohne sie jemals auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft zu haben. Betrachtet man nun die genannten Beispiele von diesem Standpunkt aus, wird erkennbar, dass viele Dinge, die Menschen sich und anderen antun, nicht auf zuviel verstandesmäßigen Denkens beruhen, sondern eher auf zuwenig davon.

Der Buddha scheint übrigens der gleichen Ansicht gewesen zu sein. Von ihm sind folgende Worte überliefert:

“Glaube nicht einfach an alles, nur weil du es gehört hast. Glaube nicht einfach an alles, nur weil man darüber spricht und redet. Glaube nicht einfach an alles, nur weil es in deinen religiösen Büchern geschrieben steht. Glaube nicht einfach an alles, nur weil es die Autorität deiner Lehrer und Eltern es fordert. Glaube nicht einfach an alles, nur weil die Tradition es über Generationen hin gebietet. Falls du aber nach genauer Beobachtung und Analyse erkennst, dass es vernünftig ist und dem Guten wie dem Wohlergehen des Einzelnen und aller dient, dann akzeptiere es und lebe strikt danach.”

Daraus geht, wie mir scheint, klar hervor, dass genaue Beobachtung und Analyse nicht nur im westlichen Denken unverzichtbare Werkzeuge unseres Geistes sind. Wenn wir in die Lage kommen wollen, unser Leben frei von Selbsttäuschungen zu gestalten dann sollten diese Werkzeuge gefördert und entwickelt werden.

Alexanders Arbeit fordert uns auf, eine solche Beobachtung und Analyse unserer selbst mit Hilfe unseres Verstandes zu betreiben. Sie eröffnet uns neue Möglichkeiten, unseren Bewegungsapparat so einzusetzen, dass wir mit immer mehr Effektivität und Leichtigkeit agieren können. Doch darüberhinaus verspricht sie uns wertvolle Erkenntnisse, die unser Verständnis aller mit dem Denken zusammenhängender Begriffe erweitern und in einen neuen Kontext setzen.

Und ein wichtiger Schritt bei der Annäherung an diese Arbeit besteht darin, sich von dem Gedanken zu verabschieden, man wisse bereits, was Denken sei.