Liebe zur Übung macht den Meister

Ich lese gerade zum dritten Mal Josh Waitzkins Buch “The Art of Learning”. Waitzkin ist ein unheimlich interessanter Charakter. Sehr früh in seinem Leben galt er als “Schachwunderkind”. Als junger Erwachsener begann er sich mit der Martial-Arts-Variante des Tai Chi, dem “Push Hands”, zu beschäftigen. 2004 wurde er in dieser Disziplin Weltmeister.

Man kann wohl davon ausgehen, dass so jemand etwas zu sagen hat, wenn es um das Thema Lernen geht, und in seinem Buch beschreibt Waitzkin eine ganze Reihe von Prinzipien und Prozessen, die ihm geholfen haben, es in scheinbar völlig unterschiedlichen Disziplinen zur Meisterschaft zu bringen.

Ich war darauf vorbereitet, dort einige mir aus meiner ITM Alexandertechnik-Ausbildung vertraute Ideen zu finden.

Trotzdem war ich überrascht, dass Waitzkin fast ein ganzes Kapitel seines Buches den Experimenten der Sozialpsychologin Carol Dweck widmet. Ich habe Dwecks Bücher “Self Theories” und “Mindset” schon vor Jahren gelesen, und sie haben mir geholfen zu verstehen, warum ich die Karriere als berühmter Gitarrenvirtuose, die ich mir als Jugendlicher erträumte, nie hatte.

Dweck fand in ihren vielen faszinierenden Experimenten Belege dafür, dass Menschen schon im Kindesalter zwei grundsätzlich unterschiedliche Einstellungen zu ihren eigenen Fähigkeiten entwickeln. Die am häufigsten verbreitete Einstellung besteht darin, die eigene Intelligenz oder Leistungsfähigkeit als etwas Angeborenes und kaum oder gar nicht Veränderbares zu sehen. Das Gegenstück zu dieser Denkweise ist eine  am Prozess des Lernens orientierte Einstellung, ein Glauben, dass man durch Arbeit besser werden kann, ganz egal, an welchem Punkt in seiner Entwicklung man sich gerade befindet.

Viele Menschen finden die Frage interessant, welche dieser beide Einstellungen der “Wahrheit” näher kommt. Um solche und ähnliche Nebensächlichkeiten drehte sich z.B. die Debatte, die ein gewisser Herr Sarrazin vor ein paar Jahren in Deutschland entfachte. Allen damals Beteiligten – und allen voran Herrn S. – hätte es gut getan, sich mit Dwecks Arbeit vertraut zu machen, denn ihre Experimente belegen Folgendes:

Menschen, die glauben, ihr Können wäre mehr oder weniger unveränderlich, messen Ergebnissen mehr Wert bei als den Prozessen, die zu diesen Ergebnissen führen. Sie machen ihr Selbstwertgefühl abhängig von den Ergebnissen ihrer Bemühungen. Das verleitet sie dazu, großen Herausforderungen eher aus dem Weg gehen und so ihre Entwicklungsmöglichkeiten stark einzuschränken.

Menschen, die mehr am Lernen an sich interessiert sind, tendieren eher dazu große Herausforderungen anzunehmen, denn sie wissen, dass sie, selbst wenn sie an der Aufgabe scheitern, daran auch wachsen werden.

Dies gilt völlig unabhängig von der tatsächlich gemessenen Intelligenz. In Dwecks Experimenten zeigten sich die ergebnisorientierten Kinder weniger stressresistent als ihre lernorientierten Mitschüler und neigten bei schwierigen Aufgaben schneller dazu aufzugeben, selbst wenn ihre gemessene Intelligenz höher war.

Ich galt als Kind als sehr “begabter” Gitarrist. Ich lernte auch schwierige Stücke schnell und war den anderen Gitarrenschülern an der Musikschule in meiner Heimatstadt weit voraus. Ich war, wie es Waitzkin ausdrückt, “der größte Fisch in einem kleinen Teich”. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, bot mein damaliger Lehrer mir an, mich zu einem Gitarrenwettbewerb nach Italien mitzunehmen. Ich kann mich noch genau an die Panik erinnern, die mich mit einem Mal befiehl. Heute weiß ich wo sie herkam.

Damals bekam ich aus meinem unmittelbaren Umfeld viel Anerkennung für meine “Gitarrenkünste”. Ständig sagte man mir, wie toll mein Gitarrenspiel sei. Für die Art und Weise wie ich übte, interessierte sich niemand – noch nicht mal ich selber – wirklich. Heute gibt es für mich kaum ein spannenderes Thema.

Der simple Schluss aus alldem lautet: Wie groß oder klein Dein “Talent” auch immer ist, was am meisten zählt, ist die Einstellung zum Lernen und zu den Herausforderungen, die das Lernen mit sich bringt.